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Deutsche Marine

erschienen in Heft 3 (März) 2008

    Maritime Sicherheit im Fokus der konzeptionellen Überlegungen

    »Vom Rand in den Fokus« – Ausgewählte Fähigkeiten der Flotte zur maritimen Auftragserfüllung der Bundeswehr

    Ansprache des Inspekteurs der Marine, Vizeadmiral Wolfgang E. Nolting, bei der 48. Historisch-Taktischen Tagung der Flotte 2008

 

Mit großer Zufriedenheit können wir erneut auf zwei interessante und inhaltsreiche Vortragstage zurückblicken.

Unter dem diesjährigen Generalthema wurden uns einzelne Aspekte dargestellt, ohne die eine Einsatzmarine nicht mehr zukunftsfähig wäre. In der Gesamtschau zeigen die Vorträge, wo die Herausforderungen zur Weiterentwicklung der Deutschen Marine liegen. Und dabei müssen sie lernen zu trennen: Zwischen dem, was Sie heute wissen und mit Ihren Systemen erreichen können und dem, was Anpassungsfähigkeit bedeutet, also Offenheit für die Veränderungen in Ihrem Umfeld, in dem Sie Ihre militärische Aufgabe werden erfüllen müssen. Nur so können Sie die Systemfähigkeiten im neuen Kontext fantasievoll und effektiv weiterentwickeln und nutzen.

Das ist für mich ein wesentliches Element von Transformation.

Eines ist aber auch offensichtlich, die Marine wird gebraucht, denn sie verfügt derzeit hinreichend über das, was erforderlich ist, um konventionellen und vor allem asymmetrischen Bedrohungen auf und von See aus zu begegnen.

Wir müssen unsere Marine ergo darauf ausrichten, dauerhaft im multinationalen Rahmen auch in großer Entfernung und vor allem unter Bedrohung eingesetzt werden zu können, um damit letztendlich die freie Nutzung der See und von maritimen Verkehrswegen sicherzustellen. Im Bewusstsein der aktuellen Einsatzlage wird mehr als deutlich, dass die Marine der Politik das zur Verfügung stellt, was erforderlich ist, um nationale Interessen durchzusetzen.

Ich danke dem Befehlshaber der Flotte, den Verantwortlichen und vor allem den Vortragenden für eine gelungene 48. HiTaTa. Es war eine facettenreiche und hervorragend organisierte Tagung.

 

    Von einer »Order Of Capabilities« zu einer »Order Of Battle«

Das Thema der diesjährigen HiTaTa war geschickt gewählt. Die Frage der substanziellen Fähigkeiten einer Marine wird uns dieses Jahr besonders beschäftigen. Es gilt nämlich heute zu bestimmen, welche Fähigkeiten zur Bewältigung zukünftiger Aufgaben im maritimen Umfeld benötigt werden und wie und durch wen diese Fähigkeiten abgebildet werden könnten. Mit diesem Ansatz wollen wir einen Schritt weg von Flaggenstock- und Nachfolgeplanung tun und über einen fähigkeitsorientierten Ansatz die Zusammensetzung der zukünftigen Flotte entwickeln. Wir bewegen uns damit über eine »Order Of Capabilities« zu einer »Order Of Battle«.

Dabei ist jetzt schon absehbar, dass unser Fuhrpark für hoch spezialisierte Einheiten zu klein sein wird. Wir können uns nicht mehr erlauben, Plattformen auf aktuelle Bedrohungen maßzuschneidern und sie bei einer Veränderung der Rahmenbedingungen der Obsoleszenz anheim fallen zu lassen. Daher werden wir uns zwangsläufig zu Plattformen hin entwickeln, die ihr Fähigkeitsprofil mithilfe mobiler Komponenten verändern können. Eine Fähigkeit, die auch ein Dauernutzungskonzept fern der Heimat zwangsläufig von uns verlangt.

Die aktuelle Einsatzrealität war vor 20 Jahren nicht vorhersagbar und dementsprechend sind unsere Mehrzweckeinheiten am stärksten belastet. Wir haben neue Wege beschreiten müssen, indem wir hoch spezialisierte Minenabwehreinheiten und demnächst auch Flugabwehreinheiten in Embargooperationen einsetzen. U-Jagd-optimierte U-Boote klären Handelsschiffbewegungen im Mittelmeer auf. U-Jagd-Fregatten führen Seeraumüberwachung und Boarding-Operationen am Horn von Afrika durch.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die klassischen Warfare-Areas bedürfen weiterhin der Professionalität. Wir müssen für sie rüsten, ausbilden und üben. Darüber hinaus bedürfen wir aber der Flexibilität, um bedarfsgerecht und durchhaltefähig auch in niedrigen oder noch nicht vorhersagbaren Spektren der Einsatzintensität erfolgreich sein zu können. Wir können heute noch nicht mit Bestimmtheit sagen, was morgen am Rand oder im Fokus steht. Die Möglichkeiten, die Modularisierung und Flexibilität hier bieten, müssen wir sorgsam bewerten und ausschöpfen.
Djibouti-Marineverband in See (Foto: PIZ Marine)

Das gilt auch für unsere wichtigste und wertvollste Ressource, das Personal.

»Mitarbeiter können alles: wenn man sie weiterbildet, wenn man ihnen Werkzeuge gibt, vor allem aber, wenn man es ihnen zutraut.« Damit brachte es der deutsche Topmanager Hans-Olaf Henkel und ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie auf den Punkt.

Wir trauen unseren Soldatinnen und Soldaten immens viel zu. Gleichwohl sind die persönlichen Belastungen, die sich aus den Zwängen der Einsatzerfordernisse ergeben, gravierend. Das, was von unseren Soldatinnen und Soldaten durch lange Abwesenheiten und risikobehaftete Einsätze abverlangt wird, stößt mittlerweile bei den Betroffenen und vor allem deren Familien an spürbare Grenzen. Dessen bin ich mir bewusst. Gleichwohl erfüllen unsere Soldatinnen und Soldaten ihren Auftrag mit großer Hingabe, Stolz und unter hohem internationalem Ansehen. Der Einsatz im Rahmen der Operation UNIFIL hat uns allen viel abverlangt. Unsere Marine leistet in den Küstengewässern des Libanon ausgesprochen gute Arbeit. Sie erfüllt ihren Auftrag verlässlich und professionell. Mit der Übergabe der Führung der MTF an die EUROMARFOR unter italienischer Führung Ende Februar werden wir unseren Beitrag erneut reduzieren können.

Aber auch die Beteiligung bei Active Endeavour im Mittelmeer sowie in den Standing Naval Maritime Groups hat uns im vergangenen Jahr ordentlich beschäftigt.

Nun ist das Thema der personellen Belastung ein Übergeordnetes und nicht auf die Marine alleine zu beziehen. Dieses wird an zwei Zahlen sehr deutlich: Die Marine leistet seit geraumer Zeit mit einem am PSM 2010 gemessenem ca. 7,5-prozentigen Personalumfang einen ungefähr 15-prozentigen personellen Anteil an allen Einsätzen der Bundeswehr.

Diese Relation kann man sich gut merken. Gleichwohl führt uns dies jenes Missverhältnis vor Augen, das sich in einer überproportionalen Auslastung der Marine darstellt. Der tiefere Grund liegt im Wesentlichen darin, dass der Bedarf nach maritimen Fähigkeiten offensichtlich gestiegen ist und – ich wage die Prognose – auch weiter steigen wird.

Wir müssen daher prüfen, wie diesem Ungleichgewicht begegnet werden kann und ob der traditionelle Proporz der Teilstreitkräfte zueinander vor diesem Hintergrund noch sinnhaft ist. Hier ist eine umfängliche Neubewertung der Aufgaben im Verhältnis zu den verfügbaren Mitteln und zum erforderlichen Personal notwendig. Dies ist eine selbstverständliche und im Sinne der Transformation permanente Aufgabe der Streitkräfte. Grundlage dafür seitens der Marine muss eine nachdrückliche und in jeder Hinsicht überzeugende konzeptionelle Herleitung sein, die wir im Rahmen der Entwicklung unserer neuen Order of Battle in 2008 vornehmen werden. Dabei geht es neben der Analyse von Fähigkeiten und Plattformen vor dem Hintergrund sich ständig verändernder Aufgaben und Rahmenbedingungen ganz wesentlich um die Entwicklung intelligenter Personalkonzepte.

Auch hier gilt es, das Potenzial von Modularität und Flexibilität zu bewerten. Wir haben mit den Konzepten für die Personalergänzung und für die Fregatte 125 bereits erste Schritte zur intelligenteren Nutzung von Plattformen und Personal getan. Hier gilt es weiter zu denken und aus den gemachten Erfahrungen Konsequenzen zu ziehen. Auch bereits eingeführte Plattformen wie Unterseeboote könnten durch Mehrbesatzungskonzepte unstrittig besser genutzt werden. Allerdings nutzen sie sich dann auch schneller ab. Bekommen wir dann Ersatz?

Unsere Attraktivität als Arbeitgeber, gesetzliche Vorgaben aus der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der erhöhte Bedarf an Plattformen im Einsatz erfordern solche Schritte. Nur wenn wir unsere eigenen Mittel wirtschaftlich nutzen, können wir einen Mehrbedarf auch glaubhaft vertreten. Wir müssen mit den anderen Teilstreitkräften ins Gespräch kommen. Nicht, um zu klagen, sondern um ggf. bei Zeiten für strukturelle Veränderungen in den Streitkräften zu unseren Gunsten und unserer Entlastung vorbereitet zu sein.

 

    Eine nicht genutzte Personalergänzung verbaut den Weg
    zu künftigen flexiblen Personalkonzepten

Ein erster Schritt wurde in der Realisierung der Personalergänzung getan. Es ist wichtig, und darauf lege ich großen Wert, dass das Konzept der Personalergänzung schnellstmöglich weiter greift. Der Anfang ist gemacht. Bis Oktober 2008 werden die drei Einsatzstäbe und der PUO-Anteil in der Personalergänzung fast vollständig besetzt sein. Die positive Entwicklung im Bereich der Unteroffiziere werden wir bei den Offizieren aufgrund eines sehr viel längeren Verwendungsaufbaus und der Tatsache, dass wir in dieser Laufbahn bereits vielerorts an anderer Stelle mit Vakanzen leben müssen, mittelfristig nicht erreichen können.

Deckspersonal der Fregatte BAYERN beim RAS (Foto: PIZ Marine)Die praktische Umsetzung des Konzeptes der Personalergänzung wird nicht immer leicht zu realisieren sein. Viele Betroffene wollen an Bord verbleiben und verweigern sich nicht zuletzt wegen des temporären Verlustes ihrer Bordzulage der Versetzung in die Personalergänzung. Die Fürsorgepflicht gebietet es, dass Soldaten, die über 180 Tage im Jahr abwesend waren und für die geeigneter Ersatz in der Personalergänzung existiert, ausgetauscht werden. Ich erwarte, dass Sie dieser Verpflichtung nachkommen und die Vorgesetzten in ihrem Bereich hier Dienstaufsicht üben.

Eine nicht genutzte Personalergänzung gefährdet diese wichtige Entlastungsmöglichkeit und verbaut uns damit den Weg zu künftigen flexiblen Personalkonzepten. Wir können uns unzählige Konzepte zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausdenken, wenn wir sie aber nicht in die Praxis umsetzen, werden wir massiv an Attraktivität und damit potenzielle Bewerber verlieren.

Erschwerend zur persönlichen Belastung des vorhandenen Personals kommen die sich abzeichnende Bewerberlage und die damit verbundenen personellen Regenerationen hinzu.

Der Bereich der Offiziere des Truppendienstes wird erheblich durch das strukturelle Fehl aufgrund der Mindereinstellungen in den 90er Jahren beeinflusst. Dieses Fehl, aber auch die noch andauernde Regeneration in neue bzw. umfangreichere Aufgabenbereiche führt bei den Offizieren derzeit zu einer durchschnittlichen Vakanzquote von 15 Prozent. Das gravierendste Defizit mit ca. 20 Prozent besteht bei den KptLt und wird voraussichtlich erst in 4 Jahren beseitigt werden können. Zur Minderung des Problems tragen zurzeit ca. 170 Offiziere des Militärfachlichen Dienstes bei, die auf Dienstposten für Truppenoffiziere verwendet werden.

Positiver stellt sich die Personallage bei den Unteroffizieren und Mannschaften dar. Ein nach der Einführung der neuen Laufbahnen entstandenes Fehl bei den Portepeeunteroffizieren konnte kontinuierlich abgebaut werden. Dringender Bedarf besteht weiterhin im Verwendungsbereich Informations- und Telekommunikationstechnik.

Minentaucher mit Handgerät (Foto: PIZ Marine)Die kritische Situation bei den Minentauchern und Kampfschwimmern ist mir wohl bewusst. Wir haben hier bereits Maßnahmen zur Verbesserung der Personalsituation ergriffen und untersuchen zurzeit weitere Schritte. Bei den Mannschaften konnten die aufgrund zusätzlich einberufener Grundwehrdienstleistenden entstandenen Überhänge mittlerweile nahezu abgebaut werden.

Grundsätzlich verzeichnen die Streitkräfte insgesamt einen Rückgang der Bewerberzahlen. Für die Marine bedeutet dies bis zu 20 Prozent weniger externe und auch interne Bewerber. Ich möchte Sie alle an dieser Stelle sehr eindringlich aufrufen, in enger Abstimmung mit den in den Einsatzflottillen und in den Schulen etablierten Personalentwicklungszellen, leistungsstarke und motivierte junge Soldatinnen und Soldaten für die Marine zu begeistern und damit an die Marine zu binden. Das gilt natürlich auch und besonders für unsere Marineflieger.

Der Konkurrenzdruck gegenüber dem zivilen Arbeitsmarkt um die Gewinnung von qualifiziertem Personal wird aufgrund der demografischen Entwicklung weiter zunehmen. Hier müssen wir uns sehr anstrengen, die Marine als attraktiven und interessanten Arbeitsplatz im Bewusstsein potenzieller Bewerber zu verankern. Dabei dürfen wir allerdings nicht vor dem Hintergrund der Quantität die Qualität unseres Personals außer Acht lassen.

 

    Ankauf von Kompetenz bei der Industrie
    ersetzt nicht die eigene Kompetenz

Wir brauchen nach wie vor vielseitig qualifizierte Seeoffiziere ebenso wie Spezialisten in ausbildungsintensiven Fachgebieten wie beispielsweise der IT. Der Bundesrechnungshof hat auch uns im vergangenen November zu Recht vorgeworfen, die Softwarepflege und -änderung unserer FüWES ohne Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen an die Industrie vergeben zu haben. Wir haben in der Vergangenheit leichtfertig geglaubt und die Politik hat uns geradezu gedrängt, auf eigene Kompetenzen zu verzichten und diese bei der Industrie ankaufen zu können. Dadurch haben wir die Fähigkeit verloren, die Qualität der von der Industrie abgelieferten Systeme kompetent und umfänglich bewerten zu können. Diese Fähigkeit müssen wir zurückgewinnen. Denn auch wenn wir mit F 125, K 130, dem 2. Los U 212 Verträge für hochmoderne Einheiten abschließen konnten, die Qualität der abgelieferten Einheiten bereitet uns fast regelmäßig Kopfzerbrechen.

Die Erlangung der Einsatzreife F 124 geht nicht in dem erhofften Tempo voran, die angebotene Lösung für den MH 90 konnte uns bisher nicht überzeugen und auch in weiteren aktuellen Projekten schlummern noch Risiken, die zurzeit leider kaum absehbar sind. Wir werden uns darauf einzustellen haben, dass in einigen Bereichen die erhofften Entlastungen nicht eintreten werden, weil die neu zulaufenden Einheiten ihre Einsatzausbildung noch nicht abgeschlossen haben oder noch nicht in Dienst gestellt sind.

Vor diesem Hintergrund haben wir erstmals für das Projekt F 125 eine Arbeitsgruppe im FüM eingerichtet. Die Arbeitsgruppe hat ihre Arbeit im September vergangenen Jahres aufgenommen. Sie stellt den Beginn einer Entwicklung dar, die in eine grundlegende Neuordnung des Zusammenwirkens zwischen Bedarfsträger, Bedarfsdecker und Auftragnehmer münden kann. Sie soll uns die Initiative während des Beschaffungsprozesses erhalten, Kompetenzen bündeln und uns vor unliebsamen Überraschungen bei der Abnahme neuer Einheiten schützen. Und ich hoffe, dass auch der spätere Nutzer frühzeitig eingebunden werden kann.

 

    Nicht nur neues Material beschaffen,
    sondern auch vorhandenes erhalten

Die tatsächliche Auslastung der im Dienst befindlichen Einheiten ist auch in 2007 sehr hoch gewesen. Grund genug, um zu erkennen, wie wichtig die Einführung neuer Waffensysteme zur Entlastung ist. Wir haben in 2007 einen 3. EGV im Plan verankern können und sind zuversichtlich, bis zur Sommerpause 2008 die parlamentarische Genehmigung zur Beschaffung zu erhalten. Der Einsatz unserer Tanker anstelle von Kampfschiffen hat im vergangenen Jahr zu einer spürbaren Entlastung geführt. Ggf. müssen wir daher auch einmal andenken, ob die Beschaffung von zwei neuen Einheiten dieser »High Valuable Units« nicht auch einen notwendigen und langfristigen Erhalt wesentlicher Fähigkeiten unserer Marine bedeutet. Sie schafft darüber hinaus einer auf Zurückhaltung bedachten Politik zudem den politischen Freiraum abgestufter Vorgehensweise.

Es gilt jedoch nicht nur neues Material zu beschaffen, sondern auch vorhandenes zu erhalten. Wir haben auf dem Wege der Kostenbegrenzung Mat-Erhalt in 2007 gute Fortschritte gemacht, was unsere schwimmenden und fliegenden Systeme angeht. Der Erhalt unserer Infrastruktur ist in der Vergangenheit jedoch häufig zu kurz gekommen. Wir verdanken es unter anderem dem Wehrbeauftragten, für die Thematik Infrastruktur WEST sensibilisiert worden zu sein.

Der Bundesminister der Verteidigung hatte daraufhin die Bereitstellung zusätzlicher Haushaltsmittel für die beschleunigte Sanierung von Unterkunftsgebäuden sowie die Verbesserung des Unterbringungsstandards angeordnet.

Von diesen zusätzlichen Mittelzuweisungen konnte auch die Marine profitieren. Über die Sanierung hinaus werden wir die Infrastrukturmaßnahmen für die Zusammenlegung des Marineamtes und der Marineflieger angehen. Die Mittel zur infrastrukturellen Unterstützung der Systeme MH 90 und F 125 werden zurzeit eingebracht. Das, was wir uns für die Marine vorgenommen haben, werden wir umsetzen.

Für darüber hinausgehende signifikante Standort- und Liegenschaftsoptimierungen sehe ich allerdings auf Grundlage unserer derzeitigen Struktur und aus Stationierungssicht keinen Handlungsspielraum mehr.

Sie erinnern sich noch an das Eingangszitat: »Mitarbeiter können alles: wenn man sie weiterbildet,...«

 

    Ausbildung bleibt eine Herausforderung

Auf diesem Gebiet wird sich in den nächsten Jahren vieles verändern. Die Einzelkonzeption Ausbildung in der Marine habe ich am 12. Oktober unterschrieben. Sie beschreibt den konzeptionellen Überbau, den es jetzt mit Leben zu füllen gilt.

Ausbildung an Bord (Foto: PIZ Marine)Natürlich wird unsere Ausbildung noch gezielter auf den Einsatz ausgerichtet werden. IGF und EAKK sind Ihnen ja schon bekannt, hier dominieren streitkräftegemeinsame Inhalte. Inhalte, vor denen wir uns auch als Marine nicht verschließen können.

Die Konkurrenz zu Heeres- und Luftwaffenuniformträgern im Bereich der SKB zwingt uns, die teilstreitkraftgemeinsamen, individuellen Fähigkeiten wie körperliche Leistungsfähigkeit und Sprachkenntnisse zu erwerben, erhalten und nachzuweisen. Sollte uns hier nicht in Kürze ein Umdenken gelingen, werden wir erhebliche Probleme in der Förderung unserer Offiziere und PUOs – auch innerhalb der Marine – bekommen.

Unsere neue Unteroffizierausbildung beginnt am 1. August dieses Jahres. Hier wurden die Forderungen der Flotte nach mehr Vorgesetztenausbildung und nach mehr Praxisbezug berücksichtigt. Darüber hinaus wird die Sprachausbildung der Bootsmannanwärterinnen und -anwärter intensiviert und, last but not least, wurden neue Laufbahnbestimmungen berücksichtigt.

Ich bin mir im Klaren, welch hohe Anforderungen durch fortwährende Einsätze entstehen. Das gilt für alle Laufbahngruppen gleichermaßen. Gegebenenfalls müssen wir in diesem Zusammenhang erneut unser Ausbildungssystem hinterfragen. Die ersten Portepeeunteroffiziere der neuen Laufbahnen sind seit geraumer Zeit an Bord. Jetzt gilt es kritisch zu bewerten, ob sich die Umstellung dieser Laufbahn bewährt hat. Dabei darf der quantitative Gewinn nicht zulasten der dringend erforderlichen Qualität dieser Dienstgradgruppe gehen. Die Kompetenz, das Ansehen und die Integrität des PUO-Korps als einem Grundpfeiler der Marine als Ganzes müssen erhalten bleiben. Zudem dürfen unsere jungen PUOs nicht den hohen Anforderungen zum Opfer fallen, die der Einsatz als Meister zwangsläufig erfordert.

Ich fordere Sie auf: Nehmen Sie die jungen Unteroffiziere kameradschaftlich in Ihrer Mitte auf, sie haben zwar nur wenig praktische Erfahrungen, sind aber fachlich gut ausgebildet!

Auch bei den Offizieren besteht die Notwendigkeit der fortwährenden Weiterbildung. Nutzen Sie das Angebot der Führungsakademie. Hier werden einwöchige Kompaktmodule auf den Bedarf zugeschnitten und zu den unterschiedlichsten Themenfeldern angeboten. Eine Ausbildungsmethodik, die modernen Streitkräften und der damit verbundenen bedarfsorientierten Erwachsenenbildung gerecht wird. Identifizieren Sie Freiräume für Ihre Soldaten und Soldatinnen, damit sie sich selbst weiterbilden können.

Ausbildung bleibt eine Herausforderung. Wir alle sind Teil der Ausbildung und bei zum Teil durchaus berechtigter Kritik auch für die Mitgestaltung von Verbesserungen in diesem Bereich verantwortlich.

Als Soldaten unterscheiden wir Ausbildungs- und Erziehungsmängel. Erziehung, die uns charakterlich prägt und den Geist bestimmt, der in unseren Streitkräften herrscht.

Der Befehlshaber der Flotte hat bereits über das hohe Aufkommen von Eingaben an den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages gesprochen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen anderen Aspekt hinweisen, der mir am Herzen liegt. Ich stelle fest, dass immer häufiger übereinander mit dem Wehrbeauftragten, als miteinander über das Problem gesprochen wird. Natürlich hat jeder das Recht und den Anspruch, sich im Zuge einer Beschwer an Institutionen wie den Wehrbeauftragten oder den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages zu wenden. Und doch geben die im Zusammenhang mit der Untersuchung des Vorbringens erstellten Unterlagen oft Aufschluss darüber, dass ein persönliches Gespräch des Petenten mit seinem Vorgesetzten unkomplizierter und mit weit weniger administrativem Aufwand zum gewünschten Ergebnis geführt hätte.

Nochmals, ich stelle keinesfalls die Institution des Wehrbeauftragten in Frage, ganz im Gegenteil. Und doch müssen wir uns die Frage stellen, warum im unmittelbaren Umfeld nicht mehr hinreichend miteinander gesprochen wird. Vielleicht begründet sich diese Entwicklung auch darin, dass dem Vorgesetzten die Lösung von persönlichen Problemen nicht mehr zugetraut wird. Vielleicht hat der Vorgesetzte bei allen Nebentätigkeiten, administrativen Anforderungen, verwaltungsrechtlichen Bestimmungen etc. aber auch nicht mehr ausreichend Zeit, sich um die Belange seiner ihm unterstellten Soldatinnen und Soldaten zu kümmern.

Fakt ist, dass Vorgesetzte mit allen Mitteln versuchen müssen, wieder erste Ansprechpartner derjenigen zu werden, die Sorgen und Nöte haben. Werden Sie nicht müde, Wege zu finden, sich von administrativen Aufgaben zu befreien, nutzen Sie den KVP zur Entbürokratisierung, hinterfragen Sie den Verwaltungsaufwand und setzen Sie sich für Bürokratieabbau ein, wo immer Ihnen das möglich ist. Nur so werden wir Zeit für unsere Frauen und Männer finden und für unsere eigentliche Aufgabe, nicht Vorgesetzter und nicht Vorsitzender sondern Führer zu sein.

Gewinnen Sie als Vorgesetzte das Vertrauen, auf dessen Grundlage sich ihre Soldatinnen und Soldaten bei Problemen an Sie wenden. Suchen sie das Gespräch von sich aus und nicht erst, wenn der Untergebene zu Ihnen kommt. Der Vorgesetzte, der sich um seinen Untergebenen kümmert, in persönlicher Fürsorge wie zur Einhaltung von Disziplin oder einem tadellosen äußeren Erscheinungsbild zeigt damit, dass dieser Untergebene seine Aufmerksamkeit wert ist. Nichtbeachtung und Gleichgültigkeit im Umgang miteinander sollten wir uns in militärischen Gemeinschaften nicht erlauben, in denen es darauf ankommt, füreinander einzustehen und sich aufeinander zu verlassen.

Ich erwarte, dass sich die Vorgesetzten der Marine auf allen Ebenen diesen Aufruf zu Eigen machen. Eine intakte, gut gestimmte Gemeinschaft erzeugt nicht nur Leistungsbereitschaft, sondern fängt im Übrigen Belastungen besser auf.

 

    Wir brauchen Professionalität zur Bewältigung der Aufgaben

Ebenso wie den Befehlshaber bewegt mich ein weiterer Aspekt:

Der Beauftragte für Havarieuntersuchungen der Marine stellt in seinen Jahresbericht 2006 fest, dass, ich zitiere: »…sich der bereits im letzten Jahr abzeichnende Trend, Fahrten nicht mit der gebührenden Sorgfalt vorzubereiten, sowie die, während der Seefahrtsphasen zu beobachtende Sorglosigkeit sowie fehlende Aufmerksamkeit bei Kommandanten und Wachoffizieren bestätigt«.

Dieser Umstand führte in Folge zu kostenträchtigen Schäden und damit der Ausgabe von Geldern, die wir an anderer Stelle schmerzlich einsparen mussten. Aber auch die für uns negativen Schlagzeilen der Havarien des zurückliegenden Jahres möchte ich nicht unerwähnt lassen. Werbung, die wir auf dem Wege der Weiterentwicklung und hinsichtlich dessen, was wir noch vorhaben, überhaupt nicht gebrauchen können. Es gibt keinen Grund, die vom Havariebeauftragten aufgezeigten eklatanten Mängel, die von unzureichender Dokumentation bei Havarieakten bis hin zu nachweislicher Disziplin- und Sorglosigkeit reichen, in Frage zu stellen.

Ich denke, wir sind uns hier im Saal alle einig, dass einer derartigen tendenziellen Entwicklung mit allen Mitteln entgegengewirkt werden muss. Den Ansatz des Befehlshabers, sich über ein Bridge-Ressourcemanagement Gedanken zu machen, unterstütze ich ausdrücklich. Darüber hinaus mahne ich trotzdem zur kritischen Selbstbetrachtung. Verwechseln Sie Gelassenheit nicht mit Lässigkeit und lassen Sie sich Ihre Professionalität nicht durch Routine zerstören.

Denn wir brauchen Ihre Professionalität zur Bewältigung der Aufgaben, die vor uns liegen. Wir haben in der Weiterentwicklung der Marine viel vor in den kommenden Jahren. Die Neuausrichtung zur Erhöhung der Einsatzfähigkeit in einem streitkräftegemeinsamen und fähigkeitsorientierten Ansatz zur Sicherheit und zum Schutz der Bundesrepublik Deutschland und seiner Verbündeten geht konsequent weiter.

EGV FRANKFURT AM MAIN und Fregatte HESSEN (Foto: PIZ Marine)Das Zeitalter der Globalisierung ist ein maritimes Zeitalter. Der Bedarf an maritimen Fähigkeiten steigt dadurch ständig. Das Thema Maritime Sicherheit habe ich daher in den Fokus unserer diesjährigen konzeptionellen Überlegungen gestellt. Unsere Einsätze bewegen sich zunehmend in den Grauzonen, in denen Konflikte niedriger Intensität von einfacher Kriminalität nicht mehr zu trennen sind. Die Fragen der Energie- und Rohstoffsicherheit werden für unsere Gesellschaft das Thema der maritimen Sicherheit zwangsläufig in den Fokus rücken.

Leider ist diese Bewusstseinsbildung ein langsamer und mühsamer Prozess, solange für viele der Sprit aus dem Zapfhahn und die Elektrogeräte aus dem Supermarkt kommen. Fachliches Können unserer Besatzungen der Schiffe, Boote, Flugzeuge und Landeinheiten, sowie der gezielte Einsatz maritimer Fähigkeiten in weltweiten Einsätzen, aber auch die Leistungen unserer Höheren Kommandobehörden, Stäbe und Ausbildungseinrichtungen haben in 2007 dazu geführt, dass das Ansehen der Marine in der Öffentlichkeit spürbar gestiegen ist. Gleichwohl beweist die jüngste SoWi-Studie, dass gerade die Einsätze, bei denen maritime Kräfte den Hauptanteil tragen, wie OEF, OAE und UNIFIL, nur wenig bei der Bevölkerung bekannt sind. In Folge müssen unsere Soldatinnen und Soldaten damit leben, auch nur eine relativ geringe öffentliche Rückendeckung zu erfahren.

Dem müssen wir alle mit Entschlossenheit und Überzeugungskraft gegenhalten. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie in ihren Verantwortungsbereichen mit dafür Sorge tragen, dass nicht nur ein generelles maritimes Bewusstsein im Land wächst, sondern dass insbesondere die mit Einsätzen verbundenen guten Leistungen unserer Männer und Frauen mehr Anerkennung finden. Die alte Weisheit: »Tue Gutes und rede darüber« ist ernst gemeint. Nutzen Sie jede Gelegenheit, maritime Themen außerhalb der Marine zu kommunizieren.

Wie bereits auf der Kommandeurtagung erwähne ich auch in diesem Kreise den beispielgebenden US-amerikanischen Ansatz zur Entwicklung einer maritimen Strategie im Dialog mit der Gesellschaft. Konkret verbunden damit ist zum Beispiel auch der bundesweite Einsatz von so genannten Briefingteams. Tiefer möchte ich an dieser Stelle in die Thematik nicht einsteigen, es soll lediglich als Anregung für weitere Überlegungen dienen. Hier sind gute und innovative Ideen gefragt, wie wir mit diesem Komplex zukünftig umgehen werden. Ich fordere Sie auf, sich dazu Gedanken zu machen und zur Weiterentwicklung dieses Themas beizutragen.

Gehen Sie hinaus und führen Sie den Dialog über die See und was deren Nutzung für uns alle bedeutet. Lassen Sie keinen Zweifel daran, dass wir dafür Sorge tragen, dass unsere Marine auch zukünftig der Politik die maritimen Fähigkeiten zur Verfügung stellen kann, die erforderlich sind, um Bedrohungen auf und von See zu begegnen und die See zum Vorteil Deutschlands und seiner Bürger zu nutzen.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihr persönliches Engagement und Ihren Einsatz im vergangenen Jahr. Vieles wäre ohne Ihr persönliches Sich-Einbringen, ohne Ihren Ideenreichtum, Ihr Improvisationstalent, Ihre Professionalität und Ihr organisatorisches Geschick nicht zu realisieren gewesen. Die Deutsche Marine steht im eigenen Land und weltweit gut dar. Jeder Einzelne von Ihnen hat daran seinen Anteil. Transformation bedeutet ständige Anpassung an neue Herausforderungen. Ich versichere Ihnen, es bleibt auch zukünftig fordernd und spannend. Vor diesem Hintergrund hoffe ich auch bei dem vor uns Liegenden auf Ihre Unterstützung und Hilfe. Es wird uns darauf ankommen müssen, Antworten auf den demografischen Wandel, neue technische Möglichkeiten, zukunftsfähige Personalkonzepte und geänderte konzeptionelle Anforderungen zu finden. Ein großes Paket, das es zu schultern gilt. Nur gemeinsam werden wir das verwirklichen können, was wir uns vorgenommen haben.

Lassen sie mich kurz zusammenfassen: 2007 war ein gutes Jahr, denn wir haben viel geleistet. 2008 wird ein gutes Jahr, denn wir werden viel leisten. Seien Sie unbesorgt, die Widerstände werden nicht weniger. Aber es lohnt sich: dies ist ein schönes Land, die Männer und Frauen, die Sie führen dürfen, sind ausgezeichnet. Die See bleibt das Medium der Globalisierung und gemeinsam stellen wir die Nutzung der See für uns alle sicher. Seien wir also fröhlich und stolz auf das, was wir täglich leisten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Angehörigen zum Jahresbeginn alles Gute für ein erfolgreiches Jahr 2008 und mit den Worten des französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal zu sprechen: »Denken Sie daran, es gibt bereits alle guten Vorsätze, wir brauchen sie nur noch anzuwenden.«

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