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Deutsche Marine

    General a.D. Klaus Naumann

    Wozu benötigt Europa Seestreitkräfte?

     

    Vortrag des früheren GenIsnpBw anlässlich der Präsentation des Buches "Faszination See - 50 Jahre Marine der Bundesrepublik Deutschland" am 29. November 2005 in Berlin

 

Ich folge dem guten Beispiel meines Vorredners und werde nun nicht meinen Beitrag zum Buch Faszination See verlesen, doch ich möchte nicht verhehlen, dass die See mich zeitlebens fasziniert hat, in meiner Jugend so sehr, dass ich 1958 als Soldat gerne zur Marine gegangen wäre. Eine leichte Sehschwäche auf einem Auge von zehn Prozent stand diesem Wunsch damals im Wege und wer weiß, was dadurch der Marine erspart wurde. Meiner Zuneigung zur Marine tat das aber niemals Abbruch.

Lassen Sie mich aber, bevor ich etwas zum Thema sage, zu dem ich auch im Buch einen Beitrag geschrieben habe, "Wozu benötigt Europa Seestreitkräfte?" zwei Vorbemerkungen machen.

Erstens möchte ich Herausgeber und Verlag zum Erscheinen dieses Buches über fünfzig Jahre Marine beglückwünschen und ihnen danken, dass sie den neuesten Teil in der Geschichte der deutschen Seestreitkräfte festgehalten haben. Als der geschichtlichen Wahrheit verpflichteter 85er kann ich nicht anders als festzuhalten, dass die Marine die älteste der deutschen Teilstreitkräfte ist. Es gab eben schon ein halbes Jahrhundert lang eine Reichsmarine, als die Landstreitkräfte sich noch dem Stammesdenken der deutschen Kleinstaaterei hingaben.

Zweitens möchte ich zu einer Bemerkung meines geschätzten Vorredners doch eine Anmerkung machen. Professor Salewski hat zu Recht festgestellt, dass unserer Marine in den vergangenen fünfzig Jahren die wahren schweren Prüfungen erspart worden sind und deshalb in diesen fünfzig Jahren keine Höhepunkte gesehen. Das sehe ich nicht ganz so, denn ich meine, ein Höhepunkt begann vor fast genau sechzehn Jahren gar nicht weit von hier. Damals fiel die Mauer und etwas nie Geplantes, ja für uns alle, die wir damals Verantwortung trugen, nahezu unvorstellbar Gewordenes begann, der Prozess der Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten.

Ich meine, wir sollten uns an den Beitrag unserer Marine in den Jahren, in denen die heute so oft gefeierte Armee der Einheit entstand, als einen Höhepunkt in der gesamten Geschichte deutscher Seestreitkräfte erinnern. Wir alle wissen doch, dass damals etwas nie vorher Gewesenes geschah, was auch nicht eine Sache von Wochen und Monaten war, sondern von einer Spanne von Jahren nach 1990 und wir alle sehen doch, dass es nur in der Bundeswehr und in der katholischen Kirche einigermaßen reibungslos gelang, die Einheit Deutschlands zu leben. Ich meine, die Einheit Deutschlands mitzuerleben, mitzugestalten, das war ein einzigartiger Höhepunkt in der Geschichte der deutschen Marine, auf jeden Fall aber in den fünfzig Jahren unserer Marine, an die wir hier erinnern.

 

    Doch zurück zu der Frage, ob wir Europäer Seestreitkräfte brauchen.

Die Staats- und Regierungschefs der Staaten der Europäischen Union haben am 12. Dezember 2003 auf Ihrem Gipfeltreffen in Brüssel das Dokument "Ein sicheres Europa in einer besseren Welt" angenommen. Zwei Sätze aus diesem Dokument seien in Erinnerung gerufen, denn sie enthalten die Begründung für europäische Seestreitkräfte:

  • "Als Zusammenschluss von 25 Staaten mit über 450 Millionen Einwohnern, die ein Viertel des Bruttosozialproduktes weltweit erwirtschaften, ist die Europäische Union zwangsläufig ein globaler Akteur. ... Europa muss daher bereit sein, Verantwortung für die globale Sicherheit und für eine bessere Welt mitzutragen. "
  • "Im Zeitalter der Globalisierung können ferne Bedrohungen ebenso ein Grund zur Besorgnis sein wie näher gelegene. ... Bei den neuen Bedrohungen wird die erste Verteidigungslinie oftmals im Ausland liegen."

Wer diese Sätze liest und dann einen Blick auf die Karte wirft weiß, dass die von den Staats- und Regierungschefs getroffenen Feststellungen ohne Seestreitkräfte nicht in politisches Handeln umgesetzt werden können. Auch als wir 1990 im Führungsstab der Streitkräfte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland den Versuch unternahmen, deutsche sicherheitspolitische Interessen zu definieren, - damals übrigens heftig von denen angegriffen, die 2003 fälschlicherweise meinten, erstmals deutsche Interessen zu vertreten -, hatten wir den freien Zugang zu den Rohstoffquellen dieser Welt und die Freiheit der Seeverbindungslinien als ein besonderes Interesse unseres Landes bezeichnet.

 

    Wozu dann noch Worte verlieren?

Auch dies ist einfach zu beantworten, denn europäische Wirklichkeit ist und bleibt die Lücke zwischen den guten Absichten und den praktischen Fähigkeiten, sie in die Tat umzusetzen. So auch in diesem Fall, in dem das zitierte Dokument explizit die Erhöhung der Verteidigungshaushalte fordert, aber die Wirklichkeit Europas fast überall deren Verminderung zeigt, eine Tendenz, die sich kaum grundlegend ändern dürfte.

Es wird weiterhin aus schierer Not geborene Stimmen geben, die der Öffentlichkeit einflüstern, die Zeit sei endlich reif für den großen Wurf einer europäischen Aufgabenteilung, in der Deutschland beispielsweise die Landstreitkräfte stelle und andere dafür die See- und Luftstreitkräfte. Es mag auch weiterhin Aussagen geben wie die, wonach der 11. September gezeigt habe, dass man Verteidigung ganz anders planen müsse, alle Streitkräfteplanungen überholt seien und deshalb die gesamte Planung und alle Rüstungsvorhaben ohne Ausnahme auf den Prüfstand müssten. Beide Aussagen sind ebenso falsch wie die gelegentlich im Deutschen Bundestag zu hörende Kleingeisterei, man solle die deutsche Marine auf die Ostsee beschränken.

Ich habe daher in meinem Beitrag zu dem heute vorzustellenden Buch, erstens, die sicherheitspolitische Lage unseres Landes und unseres Kontinentes nach dem 11. September 2001 vorgestellt und daraus, zweitens, abgeleitet, was dies für Europa, aber auch für Deutschland, seine Bundeswehr und damit seine Sicherheitspolitik bedeutet. Vor diesem Hintergrund habe ich dann, drittens, begründet, dass für das Europa des 21. Jahrhunderts noch immer gilt, was man im alten Rom zur Untermauerung des damaligen globalen Herrschaftsanspruchs Roms sagte: Navigare necesse est.

Ich möchte Sie heute Abend nicht mit meinen Aussagen zur Lage langweilen, aber mir scheint doch, dass man nicht oft genug auf die sicherheitspolitische Abstinenz in Deutschland und auf das nicht zuletzt dadurch entstehende Leben unserer Gesellschaft in einer Welt der Illusionen hinweisen kann.

Es gehört mittlerweile zu den Standardaussagen, dass sich am 11.09.2001 unsere Welt dauerhaft verändert hat, aber wenige machen sich die Mühe zu erläutern, was sich denn geändert hat und was das für unser Land bedeutet. Noch immer kann man bei der Beobachtung Deutschlands, seiner Medien und seiner Gesellschaft den Eindruck gewinnen, dass beachtliche Teile der deutschen Öffentlichkeit in der irrigen Annahme leben, mit dem Ende des Kalten Krieges seien alle Sicherheitsprobleme gelöst, der ewige Friede sei ausgebrochen und Sicherheitsvorsorge sei weitgehend überflüssig.

Diese Illusionen, die übrigens kaum einer der europäischen Nachbarn mit den Deutschen teilte, fanden spätestens am 11. September 2001 ein brutales Ende. Die Spaßgesellschaft dürfte untergehen, auch wenn man dies auch vier Jahre nach 9/11 in weiten Kreisen noch immer nicht wahr haben will. Damit gehört natürlich auch die geringe Bereitschaft, für Verteidigung wenigstens das Notwendige zu tun, auf den Prüfstand, wenngleich für eine Reihe von Jahren Erhöhungen des Haushalts kaum zu erwarten sind und die Lösung eher darin liegt, das knappe Geld intelligent auszugeben.

Irgendwie beginnen aber auch die Deutschen zu ahnen, dass wir uns in einem Konflikt von unbekannter Dauer und von noch nicht klar definierter Dimension befinden. Es ist ein Konflikt neuer Art, nicht mehr vorwiegend militärischer Natur, damit auch ein Konflikt gegen einen Gegner ohne klares Gesicht. Es ist ein Konflikt ohne sichtbare Siege und ohne geografische und zeitlich absehbare Begrenzung. Die politische Klasse dieses Landes wie auch in den anderen Ländern Europas ist daher gefordert, den notwendigen Willen zur Behauptung konstant und hoch zu halten, den notwendigen Versuch, den Konflikt durch Dialog zu lösen nicht in Appeasement ausarten zu lassen und die internationale Koalition im Kampf gegen den Terrorismus zusammenzuhalten.

Schwerer als die Befindlichkeit der Deutschen aber wiegen die international eingetretenen und heute bereits fassbaren Änderungen:

  • Das Internationale Recht ist fundamental verändert worden. Die Resolution des Weltsicherheitsrates, mit der terroristische Angriffe einem Angriff von außen gleichgesetzt werden und damit das Recht auf Selbstverteidigung auch gegenüber Staaten begründet, die Terrorismus unterstützen, ist de facto eine Einschränkung des Interventionsverbotes, das die UN-Charta zum Schutz staatlicher Souveränität enthält.
  • Die NATO ist mit der Erklärung des Bündnisfalles ein globales Bündnis geworden, hat aber daraus noch keine ausreichenden Konsequenzen für Ihre Streitkräfteplanung gezogen. Ja, schlimmer noch, sie ist als außerhalb Europas unbrauchbares Instrument vorgeführt worden, denn die USA haben aller Welt demonstriert, dass sie die NATO nicht brauchen, als sie darauf verzichteten, den mit der Erklärung des Bündnisfalles versprochenen Beistand nach 9/11 einzufordern.
  • Die Landschaft der Bündnisse scheint in Bewegung gekommen zu sein. Am deutlichsten sieht man das am Verhältnis USA - Russland, das, übrigens ähnlich wie Israel, zu den Gewinnern des 11.September zu zählen ist, denn es hat für nahezu Nichts internationale Absolution für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Tschetschenien erhalten.
    Aber auch das Verhältnis großer europäischer Staaten wie Frankreich und Deutschland zu den USA ist im Fluss. Noch ist nicht abzusehen, was daraus entstehen wird. Die Träumereien von einer multipolaren Welt werden allerdings früher oder später als trügerische Seifenblasen platzen, aber ob es zu einer neuen transatlantischen Vereinbarung kommen wird, welche die Zukunft einer veränderten NATO garantieren würde und ob Europa die Kraft aufbringen wird, seine Ambitionen mit Taten zu unterfüttern, das ist noch offen.

Offen ist auch noch, ob man der Sicherheit Vorrang vor grenzenloser individueller Freiheit geben muss. Wachsamkeit ist hier geboten. Man muss verändern, was gerade hierzulande übertriebene Liberalität war, aber man darf im Bemühen um Schutz nicht an die Substanz freier Gesellschaften gehen, in deren Mittelpunkt der Traum von der Freiheit des Individuums steht.

Offen ist schließlich, wie man Terrorismus am wirkungsvollsten bekämpft und wie man ihn wenigstens eindämmen kann. Sicher ist, dass militärische Mittel allein dazu nicht ausreichen. Sicher ist auch, dass man alle Mittel internationaler Politik nutzen muss und dass es in diesem Kampf sich überlappende Phasen des Dialogs mit dem Gegner, der Eindämmung seiner Handlungsmöglichkeiten und der bewaffneten Ausschaltung seiner Fähigkeit zu handeln geben wird. Die Balance aber zwischen Zuckerbrot und Peitsche, die nach 9/11 zwischen den atlantischen Partnern verloren gegangen ist, die ist noch nicht wiederhergestellt.

Dennoch kann man noch immer sagen: Herkömmlicher Krieg in Deutschland und der große Krieg auf europäischem Boden, die Geisel des vergangenen Jahrhunderts, scheinen gebannt. Deutschland lebt in einem weitgehend befriedeten Europa. Diesen Zustand gilt es zu festigen und doch wäre nichts voreiliger als die heute in Europa herrschende Stabilität bereits als dauerhaft anzusehen.

Doch dieses befriedete Europa befindet sich in einem Konflikt, den seine Bürger kaum wahrnehmen, obwohl die meisten Länder Europas mehr Soldaten im Einsatz haben als jemals zuvor in den letzten fünfzig Jahren.

Wichtiger aber noch, dieses befriedete Europa ist in einer Welt voll dynamischer Veränderung nur eine Insel der Stabilität, eine verwundbare Insel, umgeben von einem Meer der Instabilität und der Unberechenbarkeit. Sicherheit zu gestalten heißt daher auch, Konzepte und Planungen ständig anzupassen. Schon ein flüchtiger Blick auf die Tendenzen in der Welt, auf die Risiken für Europa und auf die Lage Europas belegt dies. Die Welt, in der wir leben, bleibt für die vorhersehbare Zukunft eine Welt im Umbruch, eine Welt, für die weder eine neue Weltordnung noch deren Entwurf in Sicht sind.

Für eine Übergangszeit ist es trotz Verwundung und spürbarer Lähmung der USA eine Welt, in der die USA die dominierende, weil allein global handlungsfähige Macht sein werden. Das ist der Punkt, den Deutschland wie Europa nie vergessen dürfen: Nur die Verbindung mit den USA gibt Europa die globale Handlungsfähigkeit, die Europa braucht, aus eigener Kraft aber auf absehbare Zeit nicht erreichen wird. Wer also jetzt den Schulterschluss mit den USA verpasst, wer heute glaubt, mit relativ substanzlosen strategischen Partnerschaften jonglieren zu können, wer meint, statt Beiträge zu leisten Bedenken artikulieren zu müssen, der könnte schon morgen allein und im Abseits stehen.

Sieht man die längerfristigen Trends, dann wird die Notwendigkeit eines engen transatlantischen Schulterschlusses noch deutlicher. Die bipolare Welt war berechenbar, doch das ist vorbei. Neue, ja zusätzliche Krisen sind in den Jahren vor uns um vieles wahrscheinlicher als eine Entwicklung ohne Krisen und Konflikte. Ohne Pessimist sein zu wollen, muss man sagen, dass es in den kommenden Jahrzehnten wegen der Unberechenbarkeit vieler Entwicklungen vermutlich um vieles schwerer sein wird, Frieden zu erhalten als es in den angeblich so gefährlichen, aber sehr berechenbaren Jahren des Kalten Krieges gewesen ist.

Mit dieser Großwetterlage vor Augen muss man fragen, welchen Risiken mit welchen Mitteln zu begegnen ist. Eine Folgerung sei aber schon an dieser Stelle erlaubt: Es genügt nicht mehr, sich wie im Kalten Krieg auf eine Form von Konflikt einzustellen. Streitkräfte postmoderner Staaten müssen die ganze Bandbreite militärischen Handelns der vormodernen, der modernen und der postmodernen Welt abdecken können.

Die Frage nach Risiken kann nur beantwortet werden, wenn man zuvor die Konfliktursachen beleuchtet hat, die nur stichwortartig genannt seien.

  • Wirtschaftliche, soziale oder ökologische Zusammenbrüche von Staaten, die Handlungsfähigkeit von Regierungen sprengende Katastrophen oder der Zugang zu lebenswichtigen Rohstoffen, allen voran Wasser, können zu Konflikten führen.
  • Die Unzahl denkbarer Nationalitäten- Religions- und Territorialkonflikte birgt Zündstoff.
  • Verbrechen gegen Menschlichkeit könnten vermehrt zu Interventionen führen, da es in einer vernetzten Welt schlicht unmöglich ist wegzusehen.

Daraus folgt:

  • Krieg bleibt ein Instrument der Politik, besonders in der modernen und vormodernen Welt. Dort sieht man allerdings zunehmend, dass man der ständig wachsenden Überlegenheit der postmodernen Welt am besten durch asymmetrische Kriegführung, beispielsweise durch Terrorismus, begegnet.
  • Die NATO und EU-Staaten werden sich aus Konflikten nicht heraushalten können und müssen sich daher auf ein breites Spektrum möglicher Risiken einstellen.

 

    Was bedeutet dies für die Planung der Verteidigung und der Streitkräfte?

Es genügt nicht mehr, die Verteidigung einer Region wie beispielsweise Europa zu planen. Die Herausforderung ist, Risiken frühzeitig zu erkennen, zu versuchen das Umschlagen einer Krise in bewaffnete Konflikte zu verhindern, zumindest aber diese Konflikte so einzudämmen, dass die Masse der Kampfhandlungen weit außerhalb des eigenen Staats-/Bündnisgebietes ausgetragen wird.

Dieses muss natürlich weiter geschützt werden, aber nicht mehr vorrangig gegen Angriffe herkömmlicher Art, sondern gegen Massenvernichtungswaffen, gegen alle Formen terroristischer Angriffe und gegen Versuche, das Wirtschafts- und Sozialsystem zu beschädigen.

Gebraucht wird also gegenüber unberechenbaren Gegnern eine Defensivstrategie, die auf politische Eindämmung und Konfliktprävention setzt, die sich einer aktiven und nicht länger reaktiven Abschreckung, gestützt auf ausreichenden Schutz des Hoheitsgebietes der Bündnisnationen, bedient und die Streitkräfte einsetzen kann, die durch Intervention die Risiken vom Gebiet der Bündnisstaaten fern halten können.

Kann man eine solche Strategie ohne maritime Macht verwirklichen?

Wohl kaum, denn ein Blick auf den Globus zeigt: 80 Prozent aller denkbaren Krisengebiete liegen in Zonen, die im Durchschnitt nicht weiter als ca. 200 km von einer Küste entfernt sind. Am wirkungsvollsten ist daher eine Strategie, die sich der Machtprojektion "onward from the sea" bedienen kann, auch weil diese kaum von Überflug- und Zugangsrechten abhängig ist. Eine solche Strategie, die im Übrigen auch mehr Optionen zur Konfliktverhinderung durch flexible Nutzung der ihr eigenen Eskalations- wie Deeskalationsoptionen bietet als jede denkbare Alternative, ist ohne projektionsfähige Seestreitkräfte nicht zu verwirklichen.

Die Frage, ob Europa Seestreitkräfte braucht, ist damit mit einem eindeutigen Ja zu beantworten.

Hinzu kommen die großen politischen und strategischen Vorteile, die Seestreitkräfte in Lagen bieten, die durch Unberechenbarkeit, die Notwendigkeit zu rascher Reaktion, wenn man Konflikte verhindern will und durch Distanz zum Heimatgebiet gekennzeichnet ist:

  • Reaktion ist früh in der Krise möglich, weil die Entscheidung zu intervenieren fallen kann, nachdem man Streitkräfte nahe am Interventionsgebiet hat und
  • Projektion "onward from the sea" kann in großer Unabhängigkeit von Lande- und Überflugrechten geschehen. Seestreitkräfte sind gegenüber "access denial", einer sehr wirksamen asymmetrischen Reaktion, am unempfindlichsten.

Auch für das Europa der EU gilt deshalb, was Alfred Thayer Mahan für die USA formulierte: Eine starke Marine plus eine günstige geostrategische Position bietet den einzigartigen Vorteil, an jeder Stelle und wo immer nötig Macht zu projizieren.

Europa hat beides nicht und auch deshalb ist und bleibt das Bündnis mit den USA der beste Garant der Sicherheit Europas. Deren Beistand erhält Europa jedoch nicht zum Nulltarif, es muss sich daher zum unverzichtbaren Partner der USA machen. Die Zeit dafür ist günstig, denn in den USA wächst nach den Erfahrungen im Irak die Einsicht, dass man mit einem Bündnis den Wirrnissen dieser Welt besser begegnen kann als mit schwer zusammen zu haltenden "ad hoc"-Koalitionen.

Ich habe in meinem Buchbeitrag ein paar Anregungen gegeben, wie solche für Europa wie die USA unersetzliche europäische Seestreitkräfte aussehen könnten, denn die Zeiten nationaler Autarkie sind für die Staaten Europas vorbei. Vorbei ist auch das Denken in Teilstreitkraft-Autarkie und in eigenständigen Seekriegsoperationen. Beides ist das Denken von vorgestern und führt in Zeiten knapper Haushaltsmittel unweigerlich ins Verderben.

Ich glaube nicht, dass die Zeit für eine Aufgaben- und Rollenteilung unter den Nationen Europas bereits gekommen ist, doch über eine Aufgabenteilung in bestimmten Funktionen und die Zusammenfassung von bestimmten Elementen unter einem gemeinsamen europäischen oder NATO-Kommando bei gleichzeitiger Wahrung minimaler nationaler Handlungsoptionen sollte man nachdenken.

Man sollte nicht nur nachdenken, nein man sollte mit den Elementen beginnen, in denen die USA Verstärkung gebrauchen könnten: Europa muss für USA unverzichtbar werden, um für Europa über die NATO Zugang zu Fähigkeiten zu erhalten, die Europa nicht hat und wohl auch nicht schaffen kann.

Diesem ersten EU-Planungsschritt müsste als nächster die Überprüfung und Harmonisierung der nationalen Planungen für alle Elemente der europäischen Seestreitkräfte folgen. Auch hier sollte man unkonventionell denken, vorausgesetzt, die Politik ist bereit, enge Grenzen nationaler Souveränität zu durchbrechen. Aber ist es wirklich undenkbar, dass Deutschland die Trägerflugzeuge für einen französischen Flugzeugträger stellt?

Ein solcher Optimierungsprozess der europäischen Seestreitkräfte würde der EU eine eingeschränkte Projektionsfähigkeit geben, die natürlich durch entsprechende Planungen für interventionsfähige Land- und Luftstreitkräfte ergänzt und durch Verbesserungen beim Schutz der Territorien gegen Terrorismus aller Art abgerundet werden müssten.

Eine so gerüstete weil unverändert auf die Freiheit des Seehandels angewiesene EU könnte in begrenztem Maße die eigenen Seeverbindungswege (SLOC) schützen und sie würde insgesamt ein Partner, auf den die USA nicht länger verzichten könnten. Dies könnte die Formel sein, mit der man amerikanischem Unilateralismus erfolgreich begegnen könnte.

Eine von der Freiheit der Meere abhängige EU dagegen, die wegen mangelnder Finanzmittel weiterhin nationale Mängelverwaltung betreibt und damit auf moderne Seestreitkräfte und deren Projektionsfähigkeit verzichtet, verurteilt sich selbst zur Reaktion und zur Abhängigkeit von den USA. Sie bliebe ein wirtschaftlicher Riese, sofern sie ihre demografischen Probleme lösen könnte, aber politisch in einer Zeit voll Unsicherheit ein impotenter Zwerg.

Ich glaube deshalb nun die Frage meines Themas abschließend beantworten zu können, doch bevor ich dies tue, lassen Sie mich bei einer Veranstaltung, die an fünfzig Jahre Marine der Bundesrepublik Deutschland erinnert, als ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr auch ein Wort des Dankes an unsere Marine einfügen. Sie hat unserem Land stets treu und zuverlässig gedient, sie war ein glänzender Botschafter in Blau oder in Weiß und auf sie war stets Verlass. Wir Deutschen haben allen Grund, unserer Marine und den Familien unserer Marinesoldaten für ihren Beitrag zu unser aller Frieden zu danken. Auf die Marine wird auch in Zukunft Verlass sein, und darum wünsche ich all denen, die heute oder morgen für uns zur See fahren, Mast- und Schotbruch und die berühmte Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Nach diesen Worten wissen Sie natürlich auch, wie meine Antwort auf die Frage, ob Europa Seestreitkräfte brauche, lautet. Sie ist kurz und eindeutig: Ja, mehr denn je. Europa braucht Seestreitkräfte, die die Risiken auf Distanz zu halten helfen und damit dazu beitragen, Konflikte vorbeugend zu verhindern.

Solche Seestreitkräfte lassen auch eingefleischte Landratten begreifen, dass noch immer gilt, was schon im alten Rom zum Erfolg führte: Navigare necesse est, Seefahrt tut Not.

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