EIN JAHR MARINEFLIEGERKOMMANDO

ROLLE VORWÄRTS STATT ROLLE RÜCKWÄRTS

Hans-Jörg Detlefsen

(Hans-Jörg Detlefsen ist Kommandeur des Marinefliegerkommandos in Nordholz)

 

„Marineflieger – Rolle rückwärts“, so titulierte der Verfasser eines Fliegermagazins die Aufstellung des Marinefliegerkommandos und die Neuordnung der Marinefliegergeschwader.

Der Bericht bedauert die seit der Auflösung des Marinefliegergeschwader 1 in Kropp/Jagel stetige Verkleinerung dieser Waffengattung, die vorläufig im Jahr 2006 mit der Auflösung der Flottille der Marineflieger in Kiel/Holtenau endete und am 08. Oktober 2012 nach Zusammenlegung aller Marinefliegerkräfte auf dem Marinefliegerstützpunkt in Nordholz mit der Einrichtung eines Kommandos, wie zu Beginn der bundesdeutschen Marinefliegerei, wiederbelebt wurde.

Luftfahrzeuge im Static Display (Foto: Deutsche Marine)
Nach über einem Jahr Marinefliegerkommando lohnt sich eine Rückschau auf das bisher Erreichte. „Das neue Marinefliegerkommando – wirklich nur eine gefühlte Rolle rückwärts?“ Der Gesamtumfang der Marineflieger hat sich seit der Auflösung der Flottille der Marineflieger und des Marinefliegergeschwader 2 im Jahr 2005 kaum verändert. Das MFG 3 „Graf Zeppelin“ („GZ“), mit den Waffensystemen P-3C Orion und Do 228 NG sowie zuständig für den Betrieb einer Stützpunktgruppe, die Serviceleistungen für alle Marineflieger bietet, ist mit derzeit 1.040 Dienststellen ausgeplant. Das MFG 5, nach dem Umzug von Kiel nach Nordholz Heimat aller Hubschrauber der Marine sowie der technischen und fliegerischen Ausbildung aller Marineflieger, unterhält knapp 911 Dienstposten. Im Marinefliegerkommando sind gegenwärtig 60 Soldaten und zivile Mitarbeiter beschäftigt.

Neben der Leitung und Steuerung aller Belange der Marinefliegerei sollte das Marinefliegerkommando im Sinne ihrer Gründer auch als Fähigkeitskommando dienen, um alle Marineflieger-Expertise konzentriert an einem Ort abzubilden. In der Konsequenz wurden fliegerspezifische Dienstposten im Marinekommando in nahezu allen Abteilungen auf das Nötigste begrenzt.
 

Expertiseträger für die Dimension Luft

Das Marinefliegerkommando gliedert sich in eine klassische A1-A7 Struktur. Unter dem Kommandeur auf Ebene Kapitän zur See (B3) wird die Stabsarbeit von einem Chef des Stabes und gleichzeitigem Vertreter des Kommandeurs auf der Ebene Kapitän zur See (A16) geleitet. Die Abteilungsleiter sind in der Dotierungshöhe Fregattenkapitän (A14/ A15) abgebildet.

Auf eine Zusammenfassung von Abteilungen im Sinne einer vergleichbaren Struktur, wie beim Marinekommando (z.B. PAO), musste verzichtet werden, da sich die Marineführung gezwungen sah, die Dienstpostenausstattung sehr knapp zu halten. Dienstpostenumfänge wie auch Dotierungen fielen daher deutlich geringer aus, als bei den „großen Brüdern“, den Einsatzflottillen. Trotz dieser Disparität sind Verantwortungs- und Zuständigkeitsbereiche jedoch durchaus untereinander vergleichbar.

Bisher hat sich dieser Umstand auf die praktische Arbeit nicht negativ ausgewirkt. Vielmehr wird man als gleichrangiger Partner wahrgenommen und hat den Expertiseträger für die Dimension Luft auf Ebene des Kommandos in allen Bereichen in und außerhalb der Marine uneingeschränkt angenommen.

Der Kommandeur des Marinefliegerkommandos ist genauso ständiges Mitglied des regelmäßig tagenden Führungskreises der Flotte, geleitet durch den Abteilungsleiter Einsatz im Marinekommando, wie auch beim erweiterten Führungskreis des Inspekteurs der Marine. Seit seiner Neuaufstellung wird das Marinefliegerkommando als Kompetenzzentrum für die Marinefliegerei von den übergeordneten Kommandobehörden und nicht zuletzt vom Inspekteur der Marine in jeder Hinsicht in die Verantwortung genommen.

Auch außerhalb der Marine hat sich die Einrichtung der Kommandoebene für die Marineflieger bewährt. Viel besser als zuvor mit einem Stabsanteil (M-Air) im Marinekommando wird man in der Luftwaffe, bei Heeresfliegern oder auch im BMVg als legitimer Vertreter der Seeflieger angenommen. Auch im internationalen Bereich finden andere Marineflieger nun wieder einen Ansprechpartner für Grundsatzaspekte, den sie auf Augenhöhe wahrnehmen.
 

Selbstfindung und Abgrenzung

Im ersten Jahr nach der Neugründung galt die Arbeit im Marinefliegerkommando vor allem der Selbstfindung und Abgrenzung in der Stabsarbeit, der Unterstützung der Reorganisation der MFG 3 „GZ“ und MFG 5 und der Ausprägung der in der Struktur angelegten Synergien und damit verbunden der Etablierung eines funktionierenden Netzwerkes innerhalb und außerhalb der Bundeswehr.

Marineflieger ziehen naturgemäß das Fliegen der Stabsarbeit vor. Daher erforderte es viel Überzeugungskraft, die bisher bewährten Pfade der Entscheidungsfindung, die teilweise im Flottenkommando, im Marineamt, im Führungsstab der Marine aber auch in den Stäben der Marinefliegergeschwader erfolgreich ausgetreten und verzweigt wurden, im Marinefliegerkommando erneut sinnhaft zusammenzuführen und an die Autobahn der Neuausrichtung der Bundeswehr anzuschließen.

Die sogenannte neue Prozessstruktur galt es mit Leben zu befüllen, sodass sich die betroffenen Soldaten und zivilen Mitarbeiter in dieser neuen Welt der Marineflieger wieder zurechtfinden konnten.

Im Zuge der Übergabe der Dienstgeschäfte der seit 2006 im Flottenkommando beheimateten Fliegerzelle „M-AIR“ fiel auf, dass die Kompetenzen der Marinefliegerei inzwischen breit gestreut und daher umso schwerer kontrollierbar auf viele Abteilungen, Referate und Dezernate in und außerhalb der Marine verteilt worden waren. Hier galt es schnell und zielgerichtet einen gemeinsamen Kurs zu bestimmen, mit dem das neue Kommando die Marineflieger ohne Reibungsverluste auf die Wahrnehmung der Einsatzaufgaben und der Einsatzvorbereitung einstellen musste.

Dabei wurde die Kolozierung der Geschwader und des Marinefliegerkommandos trotz vieler Vorbehalte der ehemaligen Statthalter des Grafen Zeppelin und der Nordholzer Neubürger von der Kieler Waterkant zu einem unschätzbaren Vorteil für eine effiziente und effektive Zusammenarbeit. Die Wertschätzung der neuen Kommandobehörde seitens der Geschwader hielt sich zunächst in Grenzen, da man zwar um einige Aufgabenpakete erleichtert wurde, aber damit auch der Gestaltungsspielraum der Truppe auf den ersten Blick beschnitten wurde. Gleichzeitig fühlte man Unbehagen gegen eine mögliche Kontrollinstanz, das Marinefliegerkommando, in unmittelbarer Reichweite, das sich aber schnell als Phantomschmerz erwies.

Sea King (Foto: Deutsche Marine)
Das Marinefliegerkommando übernahm von Beginn an die durch die übergeordneten Dienststellen geforderte Stabsarbeit und entlastete die Geschwader, damit diese sich der Einsatzvorbereitung und Einsatzdurchführung widmen konnten. Das war auch dringend notwendig, denn die Regimentsstäbe hatten im Zuge des Umbaus der Marineflieger nicht nur den Kommodore im Dienstgrad Kapitän zur See abgeben müssen, sondern waren auch in der Anzahl der Stabsarbeiter auf das absolute Minimum beschnitten worden.

Letztlich hatte die Marineführung nach Abwägung verschiedener Modelle für die Neuaufstellung der Marineflieger in Nordholz seither die Anzahl der absoluten Dienstposten, die es zu verplanen galt, vorgegeben. Das Tischtuch war knapp bemessen und reichte kaum aus für große Verschiebungen, ohne eine Ecke der Tafel unbedeckt zu lassen.

Dennoch wurde und wird eine Abstützung auf die „Subject Matter Experts“ der Geschwader auch weiterhin durch den Stab des Kommandos als Kompetenzquelle für Fachfragen zur Marinefliegerei nötig sein. Das Marinefliegerkommando wirkt letztlich, wie die Einsatzflottillen in Kiel und Wilhelmshaven, als Steuerungs- und Leitungselement zwischen den Geschwadern und dem Marinekommando in Rostock.
 

Verwirrung aller Orten

Eine weitere Herausforderung bestand in der Anpassung der ablauforganisatorischen Prozesse, von denen sich im Rahmen der Neuausrichtung der Bundeswehr viele geändert hatten und mindestens genauso viele dazugekommen waren. Wer ist eigentlich für was zuständig und wie trage ich das Anliegen der Marineflieger an ihn heran?

Hatten sich die Marineflieger seit Jahrzehnten mit dem Umstand abgefunden, dass die Materialverantwortung in den Händen der Luftwaffe lag, so gab es plötzlich wieder ein Marineunterstützungskommando, das sich auch um die Marineflieger kümmern sollte. Die Zukunftsentwicklung der Marineflieger wurde ebenfalls durch ein Amt in Berlin gesteuert und der Befehlshaber der Flotte, dem man unterstellt war, hieß nun Abteilungsleiter Einsatz im Marinekommando. Aber auch auf dem Marinefliegerstützpunkt in Nordholz rang man mit den Zuständigkeiten, die von den Planern in der Theorie gerne Synergien genannt werden.

In der Region um den Flugplatz in Nordholz war die Verwirrung komplett, als sich der Kommandeur des Marinefliegerkommandos als ranghöchster Vertreter der Liegenschaft vorstellte und die Kommodores der Geschwader ihm unterstellt wurden. Kein Bürgermeister konnte sich nach fast 50 Jahren MFG3 „GZ“ vorstellen, dass ein Kommandeur wichtiger sei als ein Kommodore.

Kein Wunder, dass sich aktive und ehemalige Marineflieger zunächst die Sinnfrage stellten, als ihnen die neue Aufstellung am Standort Nordholz bewusst wurde. Als das Marinefliegerkommando im Oktober 2012 seine Arbeit aufnahm, waren aber zügig erste spürbare Unterstützungsleistungen für die Geschwader erkennbar.

So konnte der Stab des Kommandos eine Einsatzunterbrechung von 6 Monaten für das Jahr 2013 im Einsatz EU NAVFOR Atalanta für die P-3C Orion vorbereiten und dazu beitragen, dass diese auf der Ebene der Europäischen Union sehr kurzfristig durchgesetzt werden konnte. In Konsequenz gelang es, die dringend notwendige Regenerationsquote der fliegenden Besatzungen wieder anzuheben und die Durchhaltefähigkeit für ein weiteres Jahr im Einsatz zu sichern.

Viele Bereiche wie Auswertung, Weiterentwicklung und Ausbildung konnten nun in Nordholz erneut priorisiert und optimiert werden. Dazu bedurfte es aber zunächst einer gemeinsamen Ausrichtung aller Marineflieger auf vorrangige Ziele.

Der Stab des Marinefliegerkommandos vereinbarte mit den Geschwadern zu Beginn des ersten Arbeitsjahres Zielvereinbarungen, in denen aus allen Führungsgrundgebieten gemeinsam priorisierte Arbeitsfelder benannt und definiert wurden. Umso mehr rieben sich die Kommodores und Kommandeure mit den Abteilungsleitern des Marinefliegerkommandos um den vermeintlich richtigen Weg.

Inzwischen wächst jedoch die Einsicht, dass die Fülle der Aufgaben vor denen die Marineflieger stehen, am besten in dieser Struktur zu bewältigen ist. Insbesondere vor dem Hintergrund der Neuausrichtung der Bundeswehr und der mit ihr verbundenen Neufassung konzeptioneller Dokumente und Vorgaben wie auch aller Prozesse ist eine Verbindung von Fach- und Methodenexpertise in einem Kommando zielführend gewesen. Den Geschwaderführungen erlaubt dies, die ohnehin knappe Zeit mehr auf Truppenführung und Einsatzbereitschaft ihrer Waffensysteme auszurichten.

Weiterhin braucht der Stab immer noch die Hilfe der Experten in den Geschwadern, um in fachlicher Hinsicht die übergeordneten Dienststellen bestmöglich zu beraten und nicht zuletzt die Interessen der Marineflieger im Marine- und im Bundeswehrkontext am besten zu vertreten.
 

Lastenheft bleibt gut gefüllt

Die nun durch das Marinefliegerkommando im ersten Jahr seiner Neuaufstellung angeschobenen Projekte lassen vermuten, dass das Lastenheft für die nächsten Jahre gut gefüllt bleiben wird.

Für die Marineflieger federführend kümmert sich das Marinefliegerkommando im Rahmen der Prozessvorgaben der neuen Beschaffungsrichtlinien um die geplante Einführung eines Nachfolgemusters für das WS Mk 41 Sea King. Dabei geht es weniger um die Begleitung des Rüstungsprozesses, sondern vielmehr um die Schaffung entsprechender personeller, konzeptioneller, infrastruktureller und ausbildungstechnischer Belange. Ziel ist es, den neuen Hubschrauber ab 2018 beim MFG 5 vom Marinefliegerstützpunkt Nordholz aus zu fliegen und die Einführung Ende 2020 abgeschlossen zu haben.

Weitere Schwerpunkte bilden die Zukunftsentwicklung des Waffensystems P-3C Orion im Rahmen einer gesicherten Nutzungsdauerverlängerung bis über das Jahr 2030 hinaus. Aufgeschoben aber nicht aufgehoben ist die Einführung eines Drohnensystems für die seegehenden Plattformen vorrangig für die Korvetten der Klasse 130 (K130), auf die sich die Marineflieger in Nordholz bis 2020 ebenfalls einstellen.

Als wären Neuausrichtung und Neuordnung im eigenen Bereich nicht schon Aufgaben genug, so wird in diesem Jahr auch das logistische IT-System SAP für die fliegenden Waffensysteme in Nordholz eingeführt, was knapp 1.000 Einzelschulungen und etwa 6 Monate Vorbereitungszeit in Anspruch nimmt. Auch nach dem roll-out werden insbesondere der SAP-Betrieb bei (Einsatz-) Verlegungen und an Bord Herausforderungen darstellen, denen sich nicht nur die Marineflieger, sondern auch die Einheiten stellen müssen, auf denen sie abgestützt werden.

Die seit nunmehr 12 Jahren ununterbrochene Einsatzverpflichtung des Bordhubschraubers Mk 88A Sea Lynx wird in 2014 erstmals für einen 5-monatigen Zeitraum unterbrochen. So soll auch bei diesem Waffensystem der Stau in der taktischen Erst- und Weiterbildung der Besatzungen abgebaut und die Einsatzfähigkeit wieder nachhaltig gesichert werden.
Sea Lynk im Anflug (Foto: Deutsche Marine)

Zwei Rollen vorwärts und sichere Landung

Wenn die Marineflieger einen Ausblick auf das Jahr 2015 wagen, dann stehen neben den ständigen Einsatzverpflichtungen wieder neue zusätzliche Aufgaben ins Haus, die es bereits in diesem Jahr durch das Marinefliegerkommando vorzubereiten gilt. Das ist zum einen die Ausbildung algerischer Seeflieger auf dem Waffensystem Superlynx, die im Rahmen eines Großauftrages der Firma TKMS in Nordholz durchzuführen ist. Nicht zuletzt, Maßnahmen nach einer Entscheidung des BMVI über die Fortsetzung des zivilen Such- und Rettungsdienstes in Nord- und Ostsee und eine damit verbundene Erweiterung auf die Offshore-Rettung von den Energieversorgungsplattformen in See sowie einer Transportleistung für das Havariekommando in Cuxhaven. Letzteres ggf. unter Berücksichtigung eines weiteren Hubschraubertyps.

Den bisher gewonnenen Schwung des Marinefliegerkommandos in Nordholz mit Unterstützung von MFG 3 „GZ“ und MFG 5 werden wir Marineflieger für zwei Rollen vorwärts, statt einer Rolle rückwärts ausnutzen. Eine weiche und sichere Landung ist unsererseits gut vorbereitet.

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